Tunesien – Der Charme des Orients

07.01.2018

Tunesien - ein gefährliches Reiseziel?

„Tunesien – ist das nicht zu gefährlich?“ Diesen Kommentar habe ich mehrfach gehört, als ich Bekannten von meinem diesjährigen Reiseziel zum Jahreswechsel erzählte. Die Frage hat mich sehr überrascht. Ist Tunis unsicherer als Paris, London, Berlin? Finde ich nicht unbedingt, aber dazu später. Mit Tunisair ging es also los. Diese Airline bietet die besten Verbindungen nach Tunesien. Netter Service, aber – ups – keine Business Class. Nun, für gut zwei Stunden ist das auch nicht nötig. Tunis hatte ich bereits mehrfach bereist, somit hatte ich einen festen Plan für meine Woche in Tunesien – Medina in der Hauptstadt, Geschichte in Karthago, Kultur in Sidi Bou Said und Relaxen in Gammarth!

Die folgenden Fotos stammen zum größten Teil von Zouhayer Guemri, einem sehr talentierten jungen Fotografen und Reiseleiter.

Ein Schmuckstück in der Medina von Tunis

Die Top-Hotels in Tunis sind – mit Verlaub gesagt – in die Jahre gekommen. Der Charme der 70er lässt grüßen. Aber ich habe einen ganz heißen Tipp für alle, die Komfort und gleichzeitig eine landestypische Unterkunft bevorzugen: der wunderbare Palais Bayram liegt mitten in der Medina, versteckt hinter schönen Pforten und bezaubert mit seiner historischen Architektur. Der Stadtpalast aus dem 18. Jahrhundert wurde ab 2005 in ein charmantes Boutique-Hotel verwandelt. Die Taxis können die Gäste nicht bis zum Hotel bringen, so eng sind die Gassen (Souks) in der Altstadt (Medina). So muss man also ein paar Minuten zu Fuß mit Gepäck einplanen. Netter Empfang, kurzer Rundgang, Koffer in meiner Traum-Suite abgestellt (eine von insgesamt 15) – und schon geht es in die Gassen der Altstadt, der größten in ganz Tunesien.

Foto: Prachtvolle Architektur im Palais Bayram

Es ist Freitagabend, und die Medina ist schon sehr ruhig. Eine Gasse ähnelt der anderen – und ich bin wie fast immer ohne GPS oder den guten alten Stadtplan losgezogen. Ich vertraue vielleicht zu sehr meinem Orientierungssinn – und hier hilft der nicht viel. Irgendwann frage ich eine Gruppe junger Mädchen nach dem Rückweg – erschreckt springt eine zur Seite, danach kichern alle (und ich auch). Helfen können sie nicht. Wie von Zauberhand sehe ich dann mein kleines Refugium, mehr Zufall als sonst etwas. Lektion: niemals am Abend alleine und ohne Plan in die Medina, das kann schiefgehen!

Meine Suite ist ein Traum. Blaue Wände, wunderschöne alte Möbel und ein prächtiger Leuchter unter der Decke. Das Bad ist der Hammer – eine schicke Badewanne mit goldenen Messing-Armaturen.

Foto: Ich dusche zwar lieber, aber diese Badewanne ist schon Klasse!

Den Fernseher brauche ich nicht, aber das kostenlose WLAN ist natürlich ein Muss. Auf weitere Spaziergänge in der ausgestorbenen Medina habe ich nicht unbedingt Lust, also esse ich im Restaurant des Palais Bayram zu Abend. Sehr elegant und zum Stil des historischen Hauses passend, aber – hier wird kein Alkohol ausgeschenkt. So muss ich auf den Wein zu meinem vegetarischen Couscous (lecker!) verzichten, macht aber auch nichts. Tunesien ist zwar ziemlich liberal, aber hier und da merkt man natürlich doch, dass man sich in einem islamischen Land befindet. Das wird mir auch am frühen Morgen bewusst, als der Muezzin zum Gebet ruft. Muss das denn so laut sein? In den kommenden Nächten hilft da OHROPAX (sollte man auf Reisen immer dabei haben)..

Foto: Zum Verlieben schön - die Lobby des Palais Bayram

Orientalisches Flair in der Medina von Tunis

Frühstück gibt es im kleinen „Salon de Thé“, der wie ein tunesisches Café eingerichtet ist. Ich bekomme einen Obstsalat, Käse, einen Brotkorb und bestelle noch ein Omelette – herrlich! Der Espresso schmeckt wunderbar, der Tag könnte nicht besser beginnen. Und die Sonne scheint! Dann stürze ich mich in die Medina. Tagsüber sieht die Sache schon anders aus – ein Lädchen neben dem anderen mit Krimskrams, aber auch sehr schönen Dingen. Schmuck, Keramik, Lederartikel und und und – man weiß gar nicht, wohin man zuerst blicken soll.

Foto: Farbenrausch in den Souks

Und ich entdecke eine LP mit deutschen Schlagern aus den 70ern - wer kauft das denn? Schnell ein Foto für meine Freundin Katja Ebstein, denn die ist auch mit einem alten Hit dabei. Die Händler sind freundlich, aber nicht zu aufdringlich. Selbst in der Nebensaison sind die Gassen proppevoll. Zeit für einen zweiten Kaffee! Die Wahl fällt schwer. Ich werfe einen Blick ins Café Mnouchi mit seiner coolen Retro-Einrichtung (und vielen paffenden jungen Tunesiern), ziehe dann aber das Panorama Café mit seiner fantastischen Dachterrasse vor. Ganz Tunis liegt mir zu Füßen – und Kaffee und Orangensaft munden vorzüglich! Ich beobachte die vielen jungen Pärchen, die ungeniert miteinander turteln. Allah drückt hier vermutlich beide Augen zu – gut so!

Foto: Geflügel in der größten Moschee der Medina

Sündhaft leckere Süßigkeiten und gutes Essen gibt es im El Ali, das auf mehrere Etagen verteilt ist und auf der Dachterrasse einen wunderbaren Ausblick auf die Medina bietet. In jedem Reiseführer wird das M`Rabet empfohlen – ebenfalls sehr orientalisch und mit schöner Terrasse. Im Innenhof des Fondouk el Attarine kann man gediegen speisen. Man hat die Qual der Wahl in dieser quirligen Altstadt.

Foto: Abhängen im Panorama Café über den Dächern von Tunis

Foto: Kalorienbömbchen im Café El Ali

Schnell ein Bummel über die tagsüber sehr belebte Avenue Bourguiba, die Hauptmeile der Kapitale mit imposanter Kirche, zahlreichen Cafés und Läden. Tunesische Hipster und hübsche Mädchen in hautengen Jeans (einige mit Kopftuch) in Hülle und Fülle. Meine Empfehlung für Kaffee und Snack: das Grand Café du Theâtre mit hübscher Terrasse. Abends ist die Avenue ziemlich ausgestorben. Tunis ist ohnehin nicht unbedingt etwas für Nachtschwärmer.

Foto: Bummel über die Avenue Bourguiba

Les Berge du Lac - das schicke Tunis

Am Nachmittag gibt es dann das absolute Kontrastprogramm – ich will wissen, wo die „jeunesse dorée“ Kaffee trinkt und diniert. Auf zum Les Berges du Lac, einem relativ neuen Viertel, ca. 20 Minuten vom Zentrum entfernt. Ach ja – Taxen sind hier super preiswert und schonen die Reisekasse. Im "716" wird ein riesiger Obstteller serviert, die vielen sündhaft leckeren Kuchen strafe ich mit Missachtung. Coole Leute überall – wer jedoch eher Authentizität sucht, ist hier fehl am Platz. Hier ist das moderne Tunis zu bewundern, mit wunderbarem Blick auf den See und einen atemberaubenden Sonnenuntergang.

Foto: Spektakulärer Sonnenuntergang in der Coffee Lounge des "716" - und ein Flieger setzt zur Landung an...

Die schlechte Nachricht – auch hier gibt es keinen Wein, dafür wird in diesen modernen Cafés und Restaurants viel geraucht, vor allem Shisha. Im schicken „716 wird mir ein riesiger Obstteller kredenzt, während das Glasdach zurückgefahren wird, um den ganzen Rauch nach draußen zu lassen. Erinnert mich irgendwie an meine Jugend, als wir noch in rauchgeschwängerten Clubs abgehangen haben. Das Abendessen im gleichfalls schicken Restaurant nebenan ist fantastisch, aber auch hier bleiben die Gäste sozusagen trocken. Was soll`s, dann trink ich eben einen leckeren Fruchtcocktail zum Dinner.

Foto: Satt wird man in Tunesien immer - so wie hier im Restaurant "716"

Symphonie in blau - Sidi Bou Said

Am nächsten Tag steht das legendäre Künstlerdorf Sidi Bou Said auf dem Programm. Der Zug bringt mich in gut 20 Minuten dorthin. Die Fahrt kostet nicht mal einen Euro, dafür muss man jedoch nichteuropäischen Standard in Kauf nehmen. Ist aber egal, oder? Die Züge zockeln auch los, wenn die Türen noch nicht geschlossen sind. Dafür bleiben sie manchmal aber auch stehen, wenn ein Fahrgast noch nach Abfahrt des Zuges angehechelt kommt, sehr sympathisch (und für die DB unvorstellbar).

Foto: Perfekte Harmonie von Architektur und Natur - Sidi Bou Said

Vom Bahnhof geht man nur wenige Minuten ins Zentrum des Örtchens Sidi Bou Said. Ein wahrer Farbenrausch! Blau-weisse Häuser, die schon die Maler Macke, Klee und Moillet vor über 100 Jahren auf ihrer berühmten Tunesien-Reise begeistert haben, das Mittelmeer und der Golf von Tunis mit dem Cap Bon als Kulisse. Einfach magisch. Hier darf man den Sonnenuntergang nicht verpassen. Am besten genießt man die blaue Stunde im Café des Délices mit seinen Terrassen, auf denen die für Tunesien so typischen bunten Decken liegen. Einfach nur aufs Meer schauen, Smartphone beiseitelegen und genießen!

Foto: Espresso zum Sonnenuntergang im Café des Délices


Foto: Und den Blick gab es am frühen Abend im Café des Délices

Nach Sonnenuntergang noch schnell zwei Galerien erkunden: die sehr coole Rock the Kasbah mit schicken Möbeln und Accessoires und das Haus von Achraf Baccouch, einem sehr exzentrischen Künstler, der abwechselnd in Dubai, New York und Tunis lebt. Achraf steht für allerbeste tunesische Kreativität und verbindet Tradition und Moderne. Seine Motive von internationalen Stars wie George Michael und Meryl Streep vor typisch tunesischem Hintergrund sind einfach fantastisch. Ach ja – falls man in Sidi Bou Said übernachten möchte, habe ich zwei Tipps. Die schicke Villa Bleue ist preislich schon in der höchsten Kategorie, bietet dafür aber auch Top-Komfort und eine unvergleichliche Aussicht. Wer den Geldbeutel schonen möchte, nächtigt besser im charmanten Hotel Bou Fares – winzig, mit nettem Personal und einem schönen Innenhof, in dem man bei gutem Wetter frühstücken kann.

Foto: Schrille Kunst von Achram Baccouch

Auf den Spuren der Römer in Karthago

Karthago ist ein weiteres Highlight in der Region Tunis. Wer im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst hat, kann hier einiges über Hannibal und die Punier erfahren. Karthago ist ein wahres Freilichtmuseum mit wunderbarem Blick über Tunis und den Golf. Das Museum auf dem Byrsa-Hügel – direkt neben der imposanten byzantinisch-maurischen Kathedrale aus dem 19. Jahrhundert – ist ebenfalls einen Besuch wert.

Foto: Blick über Karthago auf den Golf von Tunis

Foto: Im Museum von Karthago - nicht verpassen!

Foto: Imposant - die Kathedrale thront hoch über Karthago

Und nach so viel Historie unbedingt einen Kaffee in der wunderbaren Villa Didon gleich nebenan genießen! Eines der besten Hotels, die ich je in Tunesien gesehen habe – Design vom Allerfeinsten, eine Top-Gastronomie (ja, hier gibt es Alkohol!!) und ein unvergleichlicher Blick über den Golf von Tunis. Kein Wunder, dass sich hier die Reichen und Schönen der Hauptstadt am Wochenende treffen. Hier wohnen auch die betuchten Hauptstädter in schicken Villen hinter gesicherten Mauern. Von der Villa Didon kann man zu Fuß zu den punischen Häfen an zwei Lagunen spazieren. Anschließen sollte man sich einen Kaffee oder Tee im bei Einheimischen sehr beliebten Punicart Café gönnen – am besten zum Sonnenuntergang direkt am Meer. Sehr beeindruckt hat mich dort eine rote Katze, die seelenruhig in einem Korb neben den Waschbecken lag. Diese coole Mieze hat sich durch nichts, aber auch wirklich gar nichts vom Schlafen abhalten lassen.

Foto: Edel speisen in der schicken Villa Didon in Karthago

Foto: Coole Mieze im Punicart Café

Abhängen am Strand

Nach so viel Kultur habe ich Lust auf Erholung am Strand. Zwar sind die Temperaturen nicht zum Baden im Meer geeignet (oder man ist nicht genügend abgehärtet), aber was gibt es Entspannenderes als lange Spaziergänge am Strand? Hierfür ist das schicke Mövenpick Hotel & Resort in Gammarth ideal – sicherlich eines der schönsten Häuser im ganzen Land.

Foto: Pool im Mövenpick Resort Gammarth - einfach nur schön!

Direkt am Mittelmeer gelegen und nur 10 Fahrminuten vom Ort La Marsa (mit Cafés, Restaurants und kleinem Einkaufszentrum) entfernt, bietet dieses elegante, moderne 5-Sterne-Hotel einen super Service, ein sehr gutes Spa mit Hallenbad, Gym und Hammam und die für Mövenpick so typische exzellente Gastronomie. Ich konnte mir die Panna Cotta zum Frühstück nicht verkneifen, die Waldfrüchte dabei haben das schlechte Gewissen beruhigt. Und schon am zweiten Morgen kam der doppelte Espresso automatisch – Herz, was willst Du mehr? Fünf sehr verdiente Sterne und eine unschlagbare Lage. Mensch, hier könnte ich noch einige Tage verweilen!

Foto: Sonnenuntergang in Gammarth im Winter - tief einatmen!

Foto: Im Januar ist es für ein Bad im Pool zu kühl, aber man kann ja ins Hallenschwimmbad.

Tunesien - auf dem Weg in eine gute Zukunft?

Noch ein paar grundsätzliche Worte zu Tunesien: nach den Anschlägen vor ein paar Jahren wurden die Sicherheitsvorkehrungen drastisch erhöht. Polizei ist fast überall zu sehen, und in den Hotels muss man am Eingang eine Sicherheitsschranke passieren. In Einkaufszentren und Museen werden Taschen am Eingang kontrolliert, was ich überhaupt nicht als störend empfunden habe. Und ich habe mich zu keinem Zeitpunkt unsicher oder gar bedroht gefühlt.

Die meisten Tunesier sind freundlich – vor allem, wenn man sie mit einem freundlichen „Bonjour“ oder gar „Aslemma“ begrüßt. Leider hat sich seit der Revolution vor ein paar Jahren nicht alles zum Guten gewendet. Die Wirtschaft ist schwach, und die Menschen ächzen unter den hohen Steuern. Viele junge Leute sind arbeitslos, begehrte Jobs in der Regierung werden unter der Elite vergeben. Dennoch empfand ich die Menschen als sehr lebensfroh. Cafés und Restaurants sind voll und Spaß kann man auch ohne Alkohol haben. Natürlich gibt es auch Lokale, die Alkohol ausschenken (am besten vorher fragen) – schließlich wird in Tunesien ja auch Wein angebaut, der gar nicht mal so schlecht ist. Fromme Tunesier, die fünf Mal am Tag in die Moschee gehen, gibt es selbstverständlich auch. Viele scheint das aber eher nicht zu interessieren. Die zum Teil wunderschönen Frauen sind eitel und oft westlich gekleidet, streng islamisch gekleidete Damen eher selten zu sehen.

Foto: YES, TUNISIA! - Gerne im Café Panorama in Tunis

Fazit: ich habe mich in diesem Land, in dem ich vor über 30 Jahren als Reiseleiter tätig war, wieder sehr wohl gefühlt. Ich drücke den Tunesiern die Daumen, dass sich der Tourismus wieder erholt und die Wirtschaft endlich den ersehnten Aufschwung erfährt. Bonne chance, Tunisie!

Foto: Von der Architektur im Palais Bayram bekommt man nie genug!

Foto: Tunesische Coolness im Café Mnouchi in der Medina von Tunis

Weitere Fotos gibt es in der GALERIE.



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