Auf den Spuren der Bergleute im Ruhrgebiet

04.02.2019

Manchmal muss man gar nicht weit fahren oder sogar fliegen, um wahre Schätze zu entdecken.

Die Zeche Zollverein in Essen ist so ein Beispiel. Nur gut 20 Autominuten von meiner Heimatstadt Düsseldorf entfernt befindet sich dieses imposante Industrie-Denkmal, das seit 2001 UNESCO-Welterbe ist. Ach ja, der „Kohlenpott“. Hier sagt man „datt“ und „watt“ und geht zu Borussia oder Schalke. Als gebürtiger Wittener bin ich sozusagen mit Förderturm & Co. groß geworden – in den 60ern und 70ern lebte das Ruhrgebiet ja noch vor allem von Kohle und Stahl. Entsprechend „verstaubt“ war seinerzeit der Ruf dieser Region, die mittlerweile einen eindrucksvollen Strukturwandel vollzogen hat. Auf Zollverein wurde von 1851 bis zur Schließung 1986 Steinkohle abgebaut, die in der Kokerei gleich nebenan verarbeitet wurde.

Foto: Blick über das inzwischen ziemlich grüne Ruhrgebiet - KHL

Also auf zur Route der Industriekultur und zur „schönsten Zeche der Welt“ – soweit eine Zeche denn überhaupt schön sein kann. Aber ist ja alles Ansichtssache. Eines steht aber fest: sie ist eine der Hauptattraktionen des Ruhrgebiets. Nicht umsonst kommen jedes Jahr 1,5 Millionen Menschen aus aller Welt hierher. Zum einen, um sich die kolossalen Industrieanlagen anzusehen – aber auch, um Ausstellungen zu besuchen, auf gut ausgebauten Wegen Rad zu fahren oder im Winter ein paar Runden auf der Eisbahn zu drehen.

Die Führung beginnt an einer endlos erscheinenden Rolltreppe, die mitten in die Kohlenwaschanlage führt. Man fühlt sich direkt in das Industriezeitalter zurückversetzt. In all den Jahren wurden hier 240 Mio. Tonnen Kohle abgebaut – Schwerstarbeit für die bis zu 8.000 „Kumpel“, die hier Schichtdienst leisteten. Ich kann mich noch gut erinnern, wie in meiner Jugendzeit Kohle mit dem LKW zu Hause angeliefert wurde, die ich dann mit einem Spaten durch ein Fenster in den Keller beförderte. So sah das Fitness-Programm in den 70ern aus! Es sei jedoch angemerkt, dass ein Großteil der Kohle aus der Zeche Zollverein in die industrielle Verarbeitung ging.

Foto: Hinein in die Waschanlage - Zeche Zollverein/Frank Vincken

Die Zeche Zollverein galt als das größte und leistungsfähigste Bergwerk der Welt. Essen war damals die größte Bergbaustadt Europas mit insgesamt 290 Zechen – Wahnsinn. In der Anlage ist alles noch so erhalten wie damals. Förderbänder, Transportwagen und gigantische Öfen. Wir gehen auf eine Aussichtsplattform, von der man einen herrlichen Blick über das „Revier“ hat – die Essener City mit ihren Hochhäusern, die Schalke-Arena in Gelsenkirchen und am Horizont ist sogar Bochum zu erkennen. Eine Großstadt neben der anderen – schließlich ist das Ruhrgebiet ja das größte Ballungsgebiet in Europa.

Foto: Hier wird der Bergbau wieder lebendig - KHL

Weiter geht es über eine Brücke in die nächste Anlage. Fast kommt es mir so vor, als hätten die Bergleute gerade erst ihre Arbeitsstätte verlassen. Höhepunkt ist eine Telefonzelle aus den 50ern, von der die Kumpel ihre Kollegen in anderen Abteilungen angerufen haben. „Viele Bergleute haben seinerzeit umgeschult oder sind früh in den Ruhestand gegangen,“ erzählt Hannah Bontke, Mitarbeiterin der Stiftung Zollverein.„Einige von ihnen begleiten heute die Rundgänge.“ Sie sind ausgebildete Gästeführer mit viel Fachwissen, auch über die eigene Berufserfahrung hinaus. Man bekommt sozusagen Infos aus erster Hand.

Foto: Die Telefonzelle hat es mir besonders angetan - KHL

Über Brücken und weitere Gebäude geht es auf einen gut ausgebauten Fußgänger- und Radweg. „Im Sommer kommen viele Menschen hierher, um sich zu erholen,“ so Hannah Bontke. Das hätte man sich seinerzeit auch nicht vorstellen können, als die Gegend noch rußbelastet und alles andere als ein Freizeitparadies war. Neben den Industrieanlagen gibt es sogar Haine, die Rückzugsgebiet für verschiedene Vogelarten sind, unglaublich.

Foto: Gigantisch - die Kokerei auf Zollverein - KHL

Weiter geht es zur Kokerei. Bei 1.350 Grad C wurde hier die Kohle verarbeitet – an die schweißtreibende Arbeit möchte man gar nicht denken. Was haben diese Arbeiter nicht alles geleistet, um unsere Versorgung mit Energie sicherzustellen. Über steile Treppen (festes Schuhwerk ist ganz wichtig) geht es hinauf auf eine Plattform, von der man wieder eine wunderbare Aussicht hat. Der Blick fällt auf ein gigantisches Wasserbecken, das als Werksschwimmbad diente. „Im Sommer kommen Familien aus dem Stadtteil zum Schwimmen hierher, der Eintritt ist frei,“ erzählt Hannah Bontke. Und im Winter gibt es sogar eine Eislaufbahn. Ich bin beeindruckt – was für ein gut gelungener Strukturwandel!


Foto: Badevergnügen mit Industrie-Charme - Zeche Zollverein/Jochen Tack

Gaumenfreuden mit Blick auf die Kokerei

Mittlerweile stellt sich ein leichter Hunger ein. Direkt neben der Kokerei gibt es ein ganz cooles Café („Die Kokerei“), das wunderbar in das Industriegelände integriert wurde. Ein sehr aufmerksamer Service, Leckeres auf der Karte und ein irrer Ausblick – ideal für einen Snack nach all den Besichtigungen. Hier werden u.a. auch Hochzeiten ausgerichtet, mal was ganz Anderes. Ich stelle mir direkt eine Braut in schneeweißem Kleidchen vor der Industriekulisse vor – hat was!

Foto: Hunger und Durst kann man im Café "Die Kokerei" stillen - KHL

Man kann gut und gerne einen ganzen Tag auf dem 100 ha großen Gelände verbringen. Kein Wunder, dass die Zeche Zollverein äußerst beliebt für Foto-Shootings, vor allem im Bereich Mode, ist. Hier findest Du die coolsten Motive für Deine Instagram-Seite (klar, ich habe auch wie verrückt fotografiert).

Foto: Posieren vor der Kokerei - -KHL/Daniel Antonio Sanchez

Zum Abschluss ist der Besuch des Red Dot Design Museums (eine von zahlreichen Ausstellungen) empfehlenswert. Schon der Anblick von außen ist sehenswert – ein glänzend renoviertes ehemaliges Kesselhaus, das perfekt in die gesamte Anlage integriert ist. „Gutes Design erfahrbar und die Qualität alltäglicher Gegenstände begreifbar machen,“ heißt es auf der Webseite des Red Dot Design Museums. 2.000 Exponate aus rund 45 Ländern sind hier ausgestellt. Schaut mal auf die Webseite des Museums, wo Ihr natürlich auch Öffnungszeiten und Preise findet.

Foto: Absolut sehenswert: das Red Dot Design Museum - KHL/Daniel Antonio Sanchez

Schade, dass wir an diesem sonnigen Wintertag nur ein paar Stunden Zeit für die Zeche Zollverein hatten. Ich werde ganz bestimmt im Sommer wiederkommen und noch mal mit Fotoapparat über das Gelände spazieren – es lohnt sich!

Foto: Was für tolle Motive in und vor der Kokerei - KHL/Daniel Antonio Sanchez

Hier noch ein paar Fakten zur Zeche Zollverein:

  • Gesamtfläche 100 ha (entspricht in etwa der Fläche von 100 großen Fußballfeldern).
  • Die Zeche Zollverein wurde am 23.12.86 als letzte der 290 Essener Zechen geschlossen.
  • Die Zentralschachtanlage XII wurde im Dezember 1986 unter Denkmalschutz gestellt, die Gründerschachtanlage 1/2/8 und die Kokerei Zollverein folgten im Juni 2000.
  • Auf dem Gelände befinden sich 96 Gebäude, über 200 technische Anlagen und Maschinen, ca. 2,7 km Bandbrücken und über 13,2 km Rohrleitungen. Das Welterbe Zollverein ist damit eines der größten Industriedenkmale weltweit.
  • 2001 wurden die Zeche und Kokerei Zollverein zum UNESCO-Welterbe erklärt.
  • Die von renommierten Architekten wie z.B. Rem Kohlhaas entworfenen Umnutzungen und Neubauten auf dem Gelände wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
  • Die Zeche Zollverein ist der zentrale Ankerpunkt der „Route der Industriekultur“.
  • Die Zeche Zollverein wurde mehrfach als beste Event-Location Deutschlands mit dem CONGA Award und dem Location Award ausgezeichnet.
  • Sie ist das am häufigsten besuchte Ausflugsziel in der Metropole Ruhr und liegt mit jährlich rund 1,5 Mio. Besuchern (2011-2017) nach dem Kölner Dom an 2. Stelle der Kulturausflugsziele in NRW.

Weitere Infos zur Zeche Zollverein findet Ihr hier. Essen hat übrigens noch eine ganze Menge an weiteren Attraktionen zu bieten, so z.B. die Villa Hügel und den charmanten Ortsteil Kettwig. Darüber werde ich im kommenden Sommer ausführlich berichten.

Fotos: Kohlenwaschanlage auf Zollverein - KHL/Daniel Antonio Sanchez


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