Sehnsucht nach dem Ende der Welt

20.01.2018

Gastbeitrag von dem bekannten Autoren, Blogger und Journalisten OLE HELMHAUSEN, für den Kanada bereits seit vielen Jahren zur Heimat geworden ist. Ich kenne und schätze Ole durch meine Tätigkeit für Destination Canada bereits seit 26 Jahren. Hier ist sein packender (und sicherlich ungewöhnlicher) Bericht über die Torngat Mountains in Labrador (und deren Bewohner), eine der einsamsten, aber vermutlich auch interessantesten Gegenden der Welt.

Alle Fotos in diesem Beitrag stammen von Ole - herzlichen Dank!

Foto: OLE, the "happy camper"

Der äußerste Norden von Labrador gilt als eine der schroffsten Gegenden der Welt. Für die Inuit aber war das unwirtliche Land, das sie Nunatsiavut nennen, bis zu ihrer Zwangsumsiedlung über Jahrtausende hinweg Heimat. Nun kehren sie in das Land ihrer Ahnen zurück. Von Ole Helmhausen

Auf dem Weg dort hin landen wir dreimal in Labrador, und jedes Mal wird das Gefühl, sich einem fremden Planeten zu nähern, stärker: zunächst in Happy Valley-Goose Bay, weil der Achttausend-Seelen-Ort der einzige in einem Meer aus Bäumen ist; dann in Nain an der abweisenden Labrador-Küste, weil wir auf dem Neunzig-Minuten-Flug hierher kein einziges Zeichen menschlicher Anwesenheit am Boden gesehen haben; und schließlich in Saglek, weil die Welt unter uns nur noch aus Stein besteht. Und weil, kaum dass die Twin Otter zwischen den steilen grauen Bergen aufsetzt, kräftige Männer mit Sonnenbrillen und Gewehren aus dem Schatten verlassener Gebäude treten und „Nicht zwischen den Ruinen herumlaufen“ schnarren, da könnten Eisbären sein. Dann wuchten sie das Gepäck auf die Quads und rumpeln zu den Schlauchbooten hinunter.

Bis zum Torngat Mountains Base Camp sind es noch zwanzig holprige Minuten die Küste entlang. Im Schatten der sechshundert Meter hohen Küstenberge nehmen es die Boote mit jeder Welle einzeln auf, so kabbelig ist die Labradorsee. Dicht über der Brandung dösen Seehunde auf schwarz glänzenden Felsplatten, Eisberge liegen in Buchten. Labrador wird auch „The Big Land“ genannt, und hier, am Nordzipfel der Labrador-Halbinsel und geschützt vom Torngat Mountains National Park, ist das große Land am größten. Fjorde schneiden zwanzig, dreißig Kilometer landeinwärts. Meeresarme wie Saglek und Nachvak Fjord bieten spektakuläre Blicke auf fast tausend Meter hohe Klippen in einer der schroffesten, unheimlichsten Berglandschaften der Welt. Für die Inuit von Labrador sind die Torngat Mountains Nunatsiavut, das Land ihrer Ahnen und Sitz mächtiger Geister. Kein Wunder.

Dass das Große Land eines der ältesten des Planeten ist, passt dazu. Geologen datieren die herumliegenden Felsbrocken auf 3,9 Milliarden Jahre. Man rechnet das fix durch, setzt es in Kontext - und wird demütig. Denn damit sind sie nur lächerliche vierhundert Millionen Jahre jünger als die Erde. Und waren längst schon da, als sich die Atmosphäre mit Sauerstoff füllte. Man schluckt ein paar Mal und sortiert die Prioritäten neu. Die höchste ist jetzt so schlicht wie banal und heißt ankommen.

Das Torngat Mountains Base Camp liegt am Ende der Saglek Bay, im Windschatten der Berge. „Welcome!“, sagt Parks Canada Superintendent Gary Baikie und strahlt, und sein Empfangskomitee aus windverbrannten Gesichtern strahlt mit. Weil der 2008 gegründete Nationalpark von Parks Canada und den Labrador-Inuit gemeinsam verwaltet wird, sind die Parkangestellten, vom Bärenführer bis zum obersten Parkbeamten, fast ausnahmslos Nunatsiavummiut. So nennen sich die Labrador-Inuit in ihrer Muttersprache, dem Inuktitut. „Unser Camp dient als Ausgangspunkt für Bootstouren in den Park und zu historischen Stätten wie Ramah und Hebron“, erklärt Baikie. Außerdem beherbergt das Camp eine Forschungsstation und ist – Baikie zeigt auf den bei den Vorratsschuppen stehenden Hubschrauber – ein Stützpunkt für Such- und Rettungsaktionen.

Foto: Das Basecamp vor prächtiger Kulisse

Im Handumdrehen werden Koffer und Rucksäcke umgeladen und zu den Unterkünften gefahren. Wir werden, sehr luxuriös, in mit Strom ausgestatteten Jurten und grünen Glasfaser-Iglus schlafen. Die Mahlzeiten gibt´s in der Cafeteria. Ein drei Meter hoher, zehntausend Volt starker Elektrozaun sorgt dafür, dass alle nachts gut schlafen können. Baikie, der aus Nain stammt, lächelt und nickt zu den Bergen hinüber. An den Hängen hat die Erosion unzählige Taschen und Kerben hinterlassen, die die untergehende Sonne jetzt mit Tausenden von Schattierungen füllt. „Es ist surreal, hier arbeiten zu dürfen und auch noch dafür bezahlt zu werden. Ich liebe dieses Land.“

Foto: Morgendlicher Plausch in der Cafeteria


Surreal ist das Stichwort. Dieses Land entrümpelt die Seele. „Ich fühle mich hier zu Hause“, sagt Boonie Merkuratsuk. Die stämmige Bärenjägerin mit dem jungenhaften Gesicht arbeitet im Camp als Bärenführerin und begleitet uns auch auf der Bootstour zum Saglek Fjord. Während ihr Gewehr an der Reling lehnt, erzählt sie, wie ihre Vorfahren in den Fjorden Füchse fingen. Später, als das Boot zwischen den dunklen Wänden des North Arm ankert, wacht sie von einer kleinen Anhöhe aus über unsere Gruppe, die auf dem Strand frischgefangenen Saibling zubereitet. Vom Meer ziehen Regenwolken herein und vermischen sich mit dem Nebel im Fjord zu einem zarten Schleier, der vom Wind sanft hin und her geweht wird. Boonie schaut sich das Schauspiel lange an. „Die Ahnen sind da“, sagt sie leise.

Boonies Vorfahren kamen vor siebentausend Jahren hierher. So weit reichen die Datierungen der alten, über den Nationalpark verstreuten Grabstätten und Zeltringe zurück. Ein besonders wichtiger Ort für die Nunatsiavummiut ist Sallikuluk, auch Rose Island genannt. Auf der Insel am Ausgang des Saglek Fjord wurden über siebenhundert Menschen bestattet. Unterwegs dorthin erklärt Gary, warum die Inuit ihre Toten dort so gern zur Ruhe legten „Die Gewässer ringsum wimmelten von Seehunden, Walrössern und Walen, und an den flachen Ufern konnten sie die Kadaver prima an Land ziehen und verarbeiten.“


Doch die liebliche Insel – ihr nackter Fels ist von Gras und dicken Moosteppichen bedeckt, Alpenrosen und andere Blumen gedeihen hier – erzählt auch eine weniger schöne Geschichte. „Zwischen 1969 und 1971 entfernte ein Paläontologe die Überreste von 113 Inuit für seine Doktorarbeit“, sagt Gary, während wir im Gänsemarsch folgen, um so wenig Spuren wie möglich zu hinterlassen. „Erst Ende der neunziger Jahre konnten wir sie zurückbringen und würdig bestatten.“ Die dafür von den Ältesten ausgesuchte Stelle liegt auf einer schmalen Landzunge und blickt aufs Meer hinaus. Als das Boot wieder Kurs auf das Base Camp nimmt, geht ein Eisbär auf Sallikulluk an Land. Mit drei, vier mächtigen Sätzen überwindet er die großen Felsbrocken in der Brandung und verschwindet aus unserem Sichtfeld. „Torngarsok“, lässt sich der sonst wortkarge Skipper Joseph vernehmen, „der Geist des Meeres.“ Mächtig sei er und manchmal richtig fies. Am liebsten nehme er die Gestalt eines Eisbären an. Gegen unseren Besuch auf der Insel hat er an diesem Tag jedoch nichts einzuwenden.

Foto: Was für ein Prachtkerl!

Das Base Camp ist nicht nur für Besucher und Wissenschaftler, sondern auch und vor allem für die Nunatsiavummiut da. Schüler aus Nain, Hopedale und anderen Orten in Labradors erfahren hier aus erster Hand mehr über ihre Kultur. Und die Ältesten können von hier aus die Orte besuchen, an denen sie einst aufwuchsen und zu denen sie bis heute eine spirituelle Verbindung spüren. Denn seit den Zwangsumsiedlungen während der 1950er Jahre leben die Nunatsiavummiut weit verstreut in Labrador und Nunavik, der Inuit-Region von Québec. Die Caféteria, eine Mischung aus Wartesaal und Betriebskantine, ist ihr Treffpunkt. Dort sitzen auch die achtundsechzig Jahre alte Sophie Keelan und ihr gleichaltriger Cousin John Jararuse. Mit Freunden und Verwandten lassen sie die Inuit-Spiele vom vorigen Abend Revue passieren. Beim „One Foot High Kick“ – die Teilnehmer müssen aus dem Stand ein über ihnen hängendes Fellchen mit dem Fuß treffen und mit demselben Fuß auch wieder landen – siegte ein gutaussehender und leider, leider verheirateter Kameramann aus British Columbia. Die jungen Inuit-Damen sind neugierig und fragen die Ältesten, ob er nach traditionellem Inuit-Recht nicht wenigstens Anspruch auf eine Zweitfrau habe. Sophie und ihre Freundinnen stecken die Köpfe zusammen und versuchen sich an Fälle aus der Vergangenheit zu erinnern. „Ich glaube schon“, lächelt Sophie am Ende verschmitzt, „aber dann braucht der Arme jede Menge Viagra.“

Foto: Spiele der Inuit - scheint Spaß zu machen!

Beim Thema Zwangsumsiedlung legt sich das Gelächter am Tisch. Sophie, die vierzig Jahre lang als Krankenschwester und Koordinatorin im Gesundheitswesen in Labrador und Nunavik gearbeitet hat, ergreift das Wort, unterstützt von John. Die beiden verbrachten ihre Kindheit südlich vom Base Camp in Hebron. Hebron wurde um 1830 von Herrnhuter Missionaren gegründet, um die Inuit sesshaft zu machen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Missionsstation zu einem blühenden Gemeinwesen mit fünfzehnhundert Einwohnern. Die Nunatsiavummiut jagten und fischten für die Missionare und vorbeikommende Handelsschiffe. „Wir hatten es gut“, erzählt Sophie, die bis heute auf Deutsch bis zehn zählen und deutsche Weihnachtslieder singen kann. „Wir gingen zur Schule, jeder hatte ein Dach über dem Kopf.“ Dass die Mission pleite war, habe niemand geahnt. Sophie legt nun viele Pausen ein und spricht so leise, dass man sich vorbeugen muss, um sie zu verstehen. Fast scheint es, als würde sie nicht sprechen, sondern sorgfältig Worte verteilen.

An einem schönen Frühjahrstag im Jahr 1959 seien alle Männer in Hebron in die Kirche gebeten worden. Dort habe ihnen ein Vertreter der Regierung eröffnet, dass im August ein Schiff käme, um sie nach Nain, Hopedale, Makkovik und anderen Orten im Süden zu bringen. Häuser, Jobs und Dienstleistungen, alles sei schon vorbereitet. „Doch als wir in Makkovik ankamen, war da nichts. Die versprochenen Häuser waren noch nicht gebaut, Jobs gab es auch keine. Unsere Männer konnten nicht jagen, weil sie nicht wussten, wo die Seehunde und Rentiere waren.“ Bis zum nächsten Jahr überstand man den arktischen Winter in einer primitiven Zeltstadt ohne Strom und Wasser und litt unter der Feindseligkeit der Einheimischen, die ihre Zeltstadt „Hebron End“ nannten. Nun blitzt es in Sophies Augen. „Sie haben damals unsere Männer nicht ins Gemeindehaus, sondern in die Kirche gerufen, weil sie genau wussten, dass sie im Haus Gottes niemals widersprechen würden. Sie haben sie wie Hunde behandelt.“ Schweigen legt sich über den Tisch. Schließlich nickt John. „Was Sophie sagt, ist wahr. So ist es passiert.“ Dann füllen sich seine Augen mit Tränen, und er schaut zur Seite.

Foto: Sieht tatsächlich aus wie das Ende der Welt - Kirche in Hebron


Am Morgen darauf geht es nach Hebron. Einige von uns fliegen, andere reisen mit John im Boot. Zurück zum Camp wird getauscht. Nach einer kalten Nacht hat die Sonne dem Land gerade wieder Leben eingehaucht, als der Hubschrauber aufsteigt. Der Pilot nimmt einen Umweg über die Torngat Mountains. Über den von oben noch grandioseren Saglek Fjord zunächst und dann über weite Hochebenen mit wild zerklüfteten Felsen und Hunderten kleiner Seen. Die aufgehende Sonne übergießt das schrundige Land mit immer neuen Farben. Zuletzt nimmt der Pilot Kurs auf die Küste. Hebron liegt in einer kleinen Bucht. Die Häuser am Wasser sind verfallen, doch die Kirche, einst in numerierten Einzelteilen aus Deutschland gekommen und an Ort und Stelle wieder zusammengesetzt, steht noch, und im Garten, der für Kohl und Rettiche angelegt wurde, wächst noch immer Rhabarber. Heute sieht ein Hausmeisterehepaar den Sommer über nach dem Rechten, während einheimische Handwerker in der Kirche Wände, Böden und Decken restaurieren. Nach dem Rundgang durch den Ort, der so vielversprechend begann und dann ein so unrühmliches Ende nahm, bittet John in die Kirche. „Dies war früher unsere Kirche“, beginnt er, „jeder war hier willkommen.“ Das warme Licht der Nachmittagssonne flutet den großen Raum. Es riecht nach frischem Holz, der Boden ist von Sägespänen bedeckt. Ein Lächeln zeigt sich auf Johns wettergegerbtem Gesicht. „Als ich hörte, wir würden nach Nain gebracht, war ich aufgeregt“, sagt er und löst damit die gedrückte Stimmung etwas. „Ich dachte, in Nain sei die Sperrstunde später als 21 Uhr, wie zu Hause in Hebron. Ich hatte ja keine Ahnung.“

Foto: Landschaft von überwältigender Schönheit

Auf der Bootsfahrt zurück zum Base Camp sitzt John Jararuse am Fenster. Seine Augen sind, vielleicht ebenso wie vor achtundfünfzig Jahren, als ein Schiff ihn nach Nain brachte, auf die endlosen, grauen Küstenberge fixiert. Traurige Dinge seien passiert, hat er in der Kirche gesagt, doch der Anfang sei gemacht. Älteste wie Sophie und er arbeiten nun mit Parks Canada zusammen und kümmern sich im Base Camp nicht nur um Besucher, sondern nehmen vor allem auch junge Nunatsiavummiut unter ihre Fittiche. Sie erzählen den von Drogen, Alkoholmissbrauch und Selbstmord bedrohten Jugendlichen von einer Zeit, als sie dachten, die einzigen Menschen auf der Welt zu sein. Sie nehmen sie mit in die Torngats, um sie die Schönheit ihrer Heimat sehen und spüren zu lassen. Und sie berichten ihnen von den Ahnen, die dort wohnen und dass sie dort niemals allein sind.

Foto: Natur ohne Zivilisation soweit das Auge reicht.


Tagsüber bei den Eisbären, nachts im Iglu

• Anreise: Nach Happy Valley-Goose Bay kann man mit dem Auto fahren oder ab Halifax (Nova Scotia) oder St. John’s (Neufundland) fliegen.

Arrangements: Gäste der Torngat Mountains Base Camp & Research Station fliegen von Happy Valley-Goose Bay in Süd-Labrador ein. Hin- und Rückflug, Exkursionen, geführte Wanderungen und Mahlzeiten sind im Preis enthalten. Geschlafen wird in gemütlich eingerichteten Jurten und Iglu-Kuppeln. Toiletten und heiße Duschen stehen bereit. Es gibt mehrere Vier- und Sieben-Nächte-Angebote. Die Preise beginnen bei 5200 kanadischen Dollar, gebucht wird direkt bei www.thetorngats.com.

• Literatur: „In the Footsteps of Abraham Ulrikab“ von France Rivet. Polar Horizons Inc., 344 Seiten.

Foto: Unterwegs zum North Arm - einfach grandios!


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